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BORIS LURIE | TV-PORTRAIT

Fernsehreportage von Rudij Bergmann

Sendung am 6. November 1996 # 22.15 - 23.00 in SÜDWEST 3 TV

MANUSKRIPT ZUR SENDUNG:

Boris Lurie - angekommen in New York vor über fünfzig Jahren... Im Gepäck die drückende Last Erinnerung... an die jüngere Schwester zum Beispiel ... Gegenwart und Vergangenheit... Wie die Mutter, auch die Schwester 1941 von den Nazis in Riga verschleppt. Auch sie haben ein Grab in den Lüften.

Boris Lurie... eine Kunst, der es nie allein um Kunst ging und die ihre ästhetischen Kategorien aus den vielen und widersprüchlichen Erfahrungen des Künstlers ableitet und deren Zeitlosigkeit eine aktuelle ist... Was geschah, ist gewesen: also anwesend.

Die Schönen und die Nackten, Folterszenen und Heiligenbildchen zum Panoptikum der jeweiligen Gegenwart collagiert. Und im Detail die überdrüssig bekannten Männerphantasien, von Anfang bis in alle Ewigkeit changierend zwischen dem Weib als Vamp und als Biederfrau; die im kalten Kriegsjahr 1960 nicht zufällig Frau Chruschtschowa heißt.

"Oh Mama Liberté" - Desperat und NO!art programmatisch... Politisch, expressiv und in der Kombination allumfassend pornographisch... und so manche Botschaft... Wie jene, dass hinter jeder Domina - egal ob Mann, ob Weib - eine KZ-Oberaufseherin lauert oder umgekehrt... egal ... Luries "Oh Mama Liberté" ist heute noch als NO!art-Manifest gesellschaftlicher Gegenschlag.

Obzwar Boris Lurie durchaus mit dem Voyeuristischen sein gefährlich doppelbödiges Spiel treibt, bleibt was, ist NO!art künstlerischer Aufschrei mit obszönen Mitteln wider das gesellschaftlich Obszöne, das sich alles und jedes als Ware verfügbar macht und die Frau als Fleisch wie jedes andere, stückweise, je nach Bedarf, feilbietet.

Sexismus mit Hintersinn. Eine Frau, ausgestattet mit dem Eimer als bizarre Kopfbedeckung ist Verweis, dass die mitteleuropäischen Juden im Mittelalter als diskriminierende Kennzeichnung spitze Hüte zu tragen hatten. Einerseits. Andererseits liegt die Erinnerung an die deutschen Vernichtungslager nahe, wo die jüdischen Häftlinge mit Eimern als Kopfbedeckung zusätzlich gedemütigt wurden, beim Wachestehen bis zum Umfallen... 1949 gemalt von Boris Lurie.

Radikal wie in diesem Jahrhundert kaum jemand zuvor hat Boris Lurie die Gleichzeitigkeit der Ereignisse künstlerisch manifestiert. Das Entsetzen, das Unvorstellbare gepaart mit dem prallen Leben, die Lust mit dem Grauen... Und den Schrecken zu bannen gesucht in der Manier von Conzept-Art...

In der Art der KZ-Bilder zeigt Boris Lurie 1963 andere Gefolterte. Frauen natürlich. Doch deren Folterknechte sind nun jene, die ihren Sadogelüsten freien Lauf lassen... Schmal ist die Grenze zwischen den verschiedenen Lust- und Folterkammern der Welt... In Pin-up-Girls, Begleiterinnen eines jeden ordentlichen GI's und Lastwagenfahrers in den prüden fünfziger-sechziger Jahren, erkannte Boris Lurie, das "wahre Amerika". Doch nicht um pralle Brüste geht es. Mit Sex und Crime attackierte der Künstler jene gesellschaftlichen Perversionen die zum Vietnam-Krieg, zu Rassenunruhen und zur Neuformierung einer auch radikalen Linken führten... Und der weltweite studentische Schlachtruf "USA - SA - SS" ist Slogan der amerikanischen NO!art-Künstler gewesen, die Teil der Neuen Linken war.

Barbusig und politisch radikal. Stets auf den Zusammenhang von Sex und Macht erpicht, war und bleibt NO!art die eigentliche Gegenspielerin der weltweit siegenden Pop-Art... NO!art: eine Kunst, die gnadenlos gegen den "guten Geschmack" vorgeht und die sich immer noch nicht kulinarisch für Museen und Wohnstuben verharmlosen lässt. Was politisch gut und schön, doch um der Kunst willen schade ist.

Zwar überlebt, doch heimatlos... Boris Lurie ... Ein Mann der mitten in Manhattan Sehnsucht nach Europa hat. Ein Künstler, der zu viele Heimaten hatte, um irgendwo zuhause zu sein.

Rudij Bergmann: Der Muse(e)nfreund. Hektisch ist er nicht, der 1943 im Rheinland geborene Filmemacher und Kunstliebhaber Rudij Bergmann, wie man es von einem echten Fernsehmann erwartet hätte. Und er hat so viel zu erzählen, dass es schwierig ist, in seinen umtriebigen Gedankenfluß ein wenig Stringenz zu bringen. Über seine Jugend und Schulzeit schweigt sich der Autor beeindruckender Künstlerdokus zunächst aus. Erst nach Abschluss der Schule scheint es interessant geworden zu sein. Denn Bergmann wollte Schriftsteller werden, und veröffentlichte Gedichtbände. Seine eigentliche Liebe aber galt damals der Politik. Sein Engagement war so stark, dass er selber es als sein „ alter ego“ bezeichnet und das auch der Grund ist, warum er aus der Heimat später in den Südwesten zog. Und er vertrieb er sich die Zeit als Weltenbummler und Bohemien in Köln. „Ich wollte immer Dichter sein“, erklärt Bergmann, daher verkehrte er vorzugsweise in Künstlerkreisen, war aber zwischendurch auch einmal für drei Tage Filialleiter eines Feinkostgeschäftes. Sogar in dunklen rauchigen Jazzkellern spielte er Freejazz auf seinem Saxophon, - „ich führe noch immer ein ZickZackleben“. Durch sein Elternhaus erfuhr er eine gewisse politische Vorbildung, die das Kind Rudij Bergmann durch das Studium der Stücke Camus erweiterte. Die Bühne hat ihn weitergebildet. INFO: http://kulturportal-rn.de/seite/rudij-bergmann/

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